Übernommener Text von der Rückseite der Schallplattenhülle:
Marcel Aymé (1902 – 1967) Satiriker, Spötter und Romancier, weiß Realismus und Phantastik, Satire und Scherz, Wirkliches und Imaginäres souverän zu verknüpfen. Seine Bewunderung galt vor allem Rabelais, Voltaire und Anatole France. In den „Contes du chat perché“ (Kater Titus erzählt) wählt Aymé die klassische Form der Fabel, um liebenswürdig, melancholisch, bissig oder koboldig den Tugendkatalog in Frage zu stellen, den Erwachsene zur Disziplinierung der Kinder immer wieder parat halten.
In der Geschichte vom weißen und rostroten Ochsen karikiert er die selbstgerechte Bildungsgläubigkeit eines bornierten kleinen Unterpräfekten aus dem Schulamt. Er bringt Marinette und Delphine dahin, daß sie zwei Kreaturen aus dem Stande der Unschuld beinahe ins Elend falsch verstandener Intellektualität führen.
„Bildung ist etwas herrliches“ schwärmt Marinette den Ochsen vor. Sie bringt zusammen mit ihrer Schwester Delphine den weißen Ochsen im väterlichen Stall dazu, das ABC zu büffeln.
„Wozu?“, fragt sein Bruder, der rostrote Ochse. „Krieg ich dann mehr zu fressen? Wird mein Pflug leichter zu ziehen sein?“ Nein, sagen die Mädchen, und darum macht der rostrote Ochse nicht mit. Der „Weiße“ aber paukt Grammatik, Gedichte, Geschichtsdaten und mathematische Formeln. Er macht rasende Fortschritte, der Arme, im Stallgeruch immer ein Lehrbuch vor den Nüstern. Und für die Feldarbeit wird er leider täglich ungeeigneter.
Als er eines Abends bei Sonnenuntergang den Dichter Hugo zitiert, platzt seinem Herrn der Kragen. Er will den übergeschnappten, zusehends abmagernden Ochsen, der nur noch die Wissenschaft im Kopf hat, zum Metzger bringen.
Marinette und Delphine sind ganz verzweifelt, daß die hochtrabenden Bemerkungen des Schulpräfekten gar nicht auf die beiden Rindviecher passen wollen. Denn die „Bildung“ bringt den „Weißen“ beinahe ans Schlachtmesser. Wer braucht schon einen literarisch, philosophisch und naturwissenschaftlich gebildeten Ochsen vorm Karren?
Weil der Dichter Aymé besonders Tiere und kleine Mädchen liebt, bringt er es nicht übers Herz seine Geschichte so enden zu lassen, wie sie in Wahrheit wohl hätte enden müssen: nämlich auf dem Schlachthof. Uns zuliebe erfindet er einen Zirkusdirektor, der die beiden wunderlichen Rindviecher für seine Glanznummer kauft.
Was übrig bleibt von dieser Geschichte? Kinder und solche, die schon größer und klüger sind, sollten das, was ein Schulpräfekt als letzte Weisheit verkündet, nur mit allergrößter Vorsicht behandeln.
Ute Blaich
Bei diesen Hörspiel handelt es sich um eine Produktion des Radio-Senders Radio Bremen, welche dort bereits im Jahre 1964 aufgezeichnet wurde.
Deutsche Übersetzung: Monique Lang
Redaktion: Lutz Besch
Toningenieur: Reinhart Henke/Günter Becker
Tontechnik: Gisela Büttig/ Susanne Bultmann
Regie und Cembalo: Charlotte Niemann