Übernommener Text von der Rückseite der Schallplattenhülle:
Marcel Aymé (1902 – 1967) schrieb Romane, Novellen, Dramen und phantastische Erzählungen. Mit beißendem Spott karikierte er intellektuelle und politische Anpassung, blieb sein Leben lang aufsässig, antiklerikal und im permanenten Widerspruch zu bequemen Mehrheiten oder modischen Tendenzen. Zutiefst verhaßt waren ihm Konformismus und Buckelei vor Obrigkeiten. In seinen Parabeln, die Lehrstücke für Erwachsene sind, vermengt er souverän Elemente von Fabeln und Märchen mit psychologisch exakten Beobachtungen aus der Wirklichkeit. In den „CONTES DU CHAT PERCHÉ“ (Kater Titus erzählt) reiht er Geschichten lose aneinander, paraphrasiert Märchenmotive. Er macht die Tugend des bedingungslosen Gehorsams fragwürdig, beweist, daß die Kategorien schwarz-weiß, gut-böse, nicht für die Wirklichkeit ausreichen und stellt die Moral der Märchen auf den Kopf. Er nimmt sie zum Anlaß für Nachdenken über Dialektik des Bösen, zeigt, daß einer nur gut sein kann, wenn man ihm das Gute auch zutraut und gestattet. Oder umgekehrt: der Böse ist da am fürchterlichsten, wo nichts anderes von ihm erwartet wird.
Aymé stellt Autorität in Frage. Er tut es ohne die plumpe Aggression sogenannter anti-autoritärer Polemik. Er führt sein Plädoyer gegen angepaßte Erziehungsgewalt nicht mit Phrasen oder Haßparolen, sondern mit Grazie, Ironie und phantastischen Bildern.
Marcel Aymé ist ein französischer Dichter, der das Leben nicht nur vom Schreibtisch aus kannte. Er war Kino-Angestellter, Müll-Arbeiter, Kaufmann, Filmstatist, Reporter und Bankmann. Aber keiner dieser Berufe gefiel ihm wirklich. Da wurde er Schriftsteller.
Er hat Stücke für Erwachsene und Kinder geschrieben. Vor allem Lernstücke. Mit den Lernstücken meinte er mehr die Großen als die Kleinen. Denn es gibt Sachen, die vor allem Erwachsene sehr schwer lernen. Dazu gehören: Phantasie, Sanftmut, Geduld, Vertrauen und Zärtlichkeit.
Leider haben auch die Eltern von Marinette und Delphine das alles gründlich verlernt. Sie können sich zum Beispiel keinen Wolf vorstellen, der keine kleinen Mädchen frißt. Dazu sind sie einfach zu vernünftig. Marinette und Delphine glauben dem Wolf
sie binden ihm ein hellblaues Band um den Hals (wie einem Lämmlein). Sie spielen sogar mit ihm. Der Wolf ist solange ein lieber Wolf, wie die Kinder an ihn glauben. Papa und Mama sind entsetzt über die ungehorsamen Töchter. Schließlich gibt es fast ein furchtbares Ende, wenn nicht ritscheratsche … Ach, was
ich werde Euch doch jetzt nicht den Schluss ausplappern!
Auch die Geschichte vom Eselchen und dem Pferd handelt hauptsächlich von Merkwürdigkeiten mancher Erwachsener: ihrer Vergeßlichkeit, der Kälte ihrer Vernunft, ihrem dauernden Verlangen, Kinder ihrem Willen zu unterwerfen. Am Ende zeigt die Erzählung etwas sehr Trauriges. Marinette und Delphine geben eines Tages ihren Widerstand, ihre Fröhlichkeit, ihre Hoffnung auf. Sie werden so vergeßlich, so kaltherzig, so gleichgültig wie es ihnen abverlangt wird.
Beide Geschichten, von Kater Titus berichtet, hat Marcel Aymé aufgeschrieben, damit Ihr Euch mit Papa und Mama zusammen Gedanken darüber macht. Gedanken darüber, ob Wölfe alle böse, Esel störrisch, Erwachsene klug und Kinder artig sind …
Ute Blaich
Bei diesen Hörspiel handelt es sich um eine Produktion des Radio-Senders Radio Bremen, welche dort bereits im Jahre 1964 aufgezeichnet wurde.